Für junge Menschen hält eine Ausbildung im öffentlichen Dienst einige Vorteile bereit, die sie in der freien Wirtschaft nur schwer finden. Doch es gibt auch viele Herausforderungen im Staatsdienst. Wir haben Job-Experten gefragt, was sie jungen Menschen raten.
Schwimmbäder managen, Atommüll entsorgen, Spione jagen, Zahntechniker bei der Bundeswehr. Die Ausbildung im öffentlichen Dienst ist vielfältiger, als die meisten jungen Menschen glauben. Abgesehen von klassischen Uniform-Berufen – also etwa Jobs bei der Polizei, der Feuerwehr oder der Bundeswehr – haftet ihnen häufig ein verstaubtes Bürokratie-Image an. Zu abstrakt, zu kompliziert. Langweilig. Das ist auch ein Grund dafür, dass dem Staat aktuell rund 630.000 Beschäftigte fehlen – Tendenz steigend. Denn in den nächsten zehn Jahren scheiden mindestens 1,39 Millionen Beschäftigte (27 Prozent) altersbedingt aus. Eine Chance für junge Menschen.
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Warum junge Menschen eine Ausbildung im öffentlichen Dienst machen
Viele Unternehmen tun sich schwer damit, die Generationen Z und Alpha anzuwerben. Sie können ihnen schlicht nicht bieten, was im öffentlichen Dienst systemimmanent ist: eine krisensichere und sinnstiftende Aufgabe. Matthäus Fandrejewski, Vorsitzender der dbb Jugend, bringt es im Gespräch mit Öffentlicher-Dienst-News so auf den Punkt: „Ohne Schulen keine Bildung. Ohne Wissenschaft keine Forschung. Ohne Justiz keine Gerechtigkeit – diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Fakt ist: Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, sorgt dafür, dass unser Gemeinwesen funktioniert. Für mich persönlich gibt es kaum Jobs mit mehr Sinnstiftung.“
Ausbildung im öffentlichen Dienst: Traum von “ruhiger Kugel” ist Trugschluss
In der Praxis seien jedoch die Eltern die wichtigsten „Influencer“. Falk Lindemann, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Essen, erlebt in seinen Gesprächen oft, dass gerade Väter und Mütter, die selbst jahrelang körperlich hart gearbeitet haben, ihren Kindern zu einem schonenderen Weg raten. „Die Kinder sind dann darauf getrimmt, etwas im öffentlichen Dienst zu machen, weil das weniger Stress sei“, berichtet Lindemann aus der Beratungspraxis. Und ergänzt: „Was natürlich häufig nicht der Fall ist.“
Der vermeintliche Traum von der „ruhigen Kugel“ im Amt entpuppt sich in der Realität schnell als Trugschluss. Bei Berufen in der Krankenversorgung, Erziehung oder Pflege sowieso. Aber auch in vermeintlich ruhigen Berufen. „Die Arbeitsbelastung in der Verwaltung wird unterschätzt. Das ist nicht so linear und ruhig, wie sich das viele junge Menschen vorstellen“, betont Lindemann. Ständige Anpassungen an neue politische und rechtliche Vorgaben – wie etwa die arbeitsintensive Einführung des Bürgergelds vor einigen Jahren – fordern von den Beschäftigten im modernen Behördenalltag ein hohes Maß an Flexibilität, Belastbarkeit und kontinuierlicher Lernbereitschaft ab.
Der Weg in den öffentlichen Dienst: mittlere Reife, Abitur und jede Menge Softskills
Wer sich für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst entscheidet, sollte sich vor allem gut informieren. „Für viele junge Menschen sind Berufe in der Verwaltung ziemlich abstrakt“, erklärt Berufsberater Lindemann. Das konkrete Berufsbild sei im Vorfeld oft schwer zu vermitteln.
Vor allem psychische Widerstandskraft gehört heute zur Grundvoraussetzung. „Man braucht häufig ein dickes Fell. Sei es in der Pflege, wo die Stationen unterbesetzt sind, bei der Polizei, wo man häufig am Limit arbeitet, oder als Arbeitsvermittler mit einer Vielzahl von Kunden“, so Lindemann. Frank Faras von der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg ergänzt aus der Ausbildungspraxis, dass sich der Nachwuchs im Dienst auf ständig wechselnde und hochbrisante gesellschaftliche und geopolitische Lagen einstellen muss – von Pandemie-Szenarien bis zu Energie- und Extremismus-Krisen.
Diese formalen Kriterien zählen für den öffentlichen Dienst
Dazu kommen natürlich formale Kriterien, die sich angesichts des breiten Angebots natürlich stark unterscheiden. Laut der Berufsorientierung der Bundesagentur für Arbeit ist eine solide mittlere Reife die Basis für fast alle klassischen Ausbildungsberufe im mittleren Dienst. Allerdings zeigt sich auf dem Bewerbermarkt eine deutliche Verschiebung. Lindemann berichtet, dass laut den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit die Tendenz stark in Richtung Fachabitur und allgemeine Hochschulreife geht – bei den Auszubildenden der Arbeitsagentur selbst bringe mittlerweile mehr als ein Drittel das Abitur mit.
Wo der öffentliche Dienst flexibel ist – und wo nicht
An den Qualitätsstandards wird trotz der massiven Personalnot im Sektor nicht gerüttelt. Faras betont am Beispiel der Polizei Baden-Württemberg, dass man die Notengrenzen im Auswahlverfahren selbst in den schwierigen Rekrutierungsjahren 2023 und 2024 nicht abgesenkt hat, um Ausbildungsplätze krampfhaft vollzubekommen. Andere Kriterien werden hingegen weniger streng gesehen. So gibt es Ausnahmeregelungen, falls ein Kandidat oder eine Kandidatin nicht die Mindestkörpergröße erreicht. Und auch wer keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, kann zum Polizeidienst zugelassen werden, wenn die Person fließend Deutsch beherrscht. „Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Hautfarben in der Polizei sind hilfreich, weil das Barrieren abbauen kann“, unterstreicht Faras im Interview mit Öffentlicher-Dienst-News. „Unser stärkstes Einsatzmittel ist immer noch das Wort.“
Wer nach einer gewissen Ungebundenheit sucht, ist im öffentlichen Dienst hingegen falsch aufgehoben. Der Einsatz ist meist auf ein Bundesland begrenzt. „Viele Jugendliche wollen eine gewisse Flexibilität bei der Wahl des Arbeitgebers und möchten sich offenhalten, im Ausland zu arbeiten. Das ist im öffentlichen Dienst etwas knifflig“, gibt Lindemann zu bedenken. Ein agiles, ungebundenes Berufsleben mit ständigen Wechseln gibt es im öffentlichen Dienst nicht – dafür aber ein strukturiertes und hochrelevantes Umfeld.
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Öffentlicher Dienst: Zwischen Sinnstiftung und Realitätsschock
Der Fachkräftemangel trifft den öffentlichen Dienst nicht überall mit derselben Härte. Während einige Sektoren traditionell hoch im Kurs stehen, müssen andere kämpfen. Bei der Polizei etwa hat sich die Lage nach schwierigen Jahren spürbar stabilisiert, wie Faras erzählt. „Die Hochphase des Fachkräftemangels wirkte sich in den Jahren 2023 und 2024 auch auf die Einstellungen bei der Polizei Baden-Württemberg aus. 2025 wurden alle Ausbildungsplätze besetzt, für 2026 sind wir auf einem guten Weg. Auf jede freie Ausbildungsstelle kommen derzeit zwischen vier und fünf Bewerbende.“
Aber: „Umso technischer es wird, umso schwerer sind Stellen im öffentlichen Dienst zu besetzen“, konstatiert Lindemann. „Als Informatiker kann man bei Microsoft oft deutlich mehr verdienen.“ Dabei hatten viele Behörden gehofft, dass die Krisen der vergangenen Jahre dem Sektor einen dauerhaften Bewerber-Boom verpassen würden. „In den Arbeitsagenturen dachten wir, dass durch die positive Berichterstattung über den öffentlichen Dienst während der Coronakrise ein Run auf diese Stellen kommt. Den gab es aber nicht“, zeigt sich Lindemann ernüchtert.
Personaldruck im öffentlichen Dienst wächst
Wie groß der Druck in einzelnen Sektoren ist, verdeutlicht eine Erhebung zum Personalmangel des dbb beamtenbund und tarifunion vom Juli 2025. Zwar lässt sich laut der dbb jugend keine allgemeine Aussage darüber treffen, welche Ausbildungsbereiche am stärksten nachgefragt werden, da das Angebot nicht zentral erfasst wird. Die nackten Zahlen des dbb-Berichts zeigen jedoch, wo der Mangel am dramatischsten ist: Allein in der Kranken- und Altenpflege fehlen demnach 120.600 Beschäftigte, in den Kommunalverwaltungen sind es 108.500 und in den Kitas 96.400 Kräfte. In genau diesen Bereichen entscheidet der Erfolg bei der Nachwuchsrekrutierung direkt über die zukünftige Handlungsfähigkeit des Staates. Schließlich sind die Auszubildenden von heute die Fachkräfte von morgen.
Doch gerade in diesen kritischen Bereichen setzt häufig ein Realitätschock ein. Unterbesetzte Abteilungen, körperlich anstrengende und geistig belastende Arbeit und dazu noch der Schichtdienst sorgen dafür, dass junge Menschen nach der Ausbildung einen Karrierewechsel anstreben.
Sicherheit allein reicht nicht aus
Dabei hat der öffentliche Dienst ein starkes Argument auf seiner Seite – die Übernahme nach dem Abschluss. Wer die Ausbildung meistert, hat seinen Arbeitsplatz im Grunde sicher. Faras unterstreicht diese Verlässlichkeit am Beispiel der Polizei: „Wer bei uns eine Ausbildung erfolgreich beendet und aus ärztlicher Sicht polizeitauglich ist, wird im Anschluss auch übernommen. Wir setzen niemanden, der alle Voraussetzungen erfüllt, auf die Straße.“
Doch die reine Arbeitsplatzsicherheit reicht der jungen Generation nicht mehr aus. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, nützt eine Übernahmegarantie wenig. Die häufigste Kritik sei der Zustand der digitalen Infrastruktur in den Behörden. „Tatsache ist: Mit Faxgeräten und sonstiger veralteter Technik können wir keine jungen Menschen für den öffentlichen Dienst begeistern“, kritisiert Fandrejewski von der dbb Jugend. Der Anspruch müsse stattdessen lauten, dass die Verwaltung flächendeckend in der digitalen Gegenwart ankommt. Es geht um ein modernes Arbeitsumfeld.
dbb Jugend fordert eine Modernisierung
Dass der Sektor sich bewegen muss, belegen auch wissenschaftliche Daten. Eine im Oktober 2024 von der dbb Jugend in Kooperation mit der Universität Potsdam veröffentlichte Studie mit dem Titel „Flexibel, digital, gut bezahlt?! Wie der öffentliche Dienst seine Mitarbeitenden bindet“ zeigt die Prioritäten auf. Demnach sind es vor allem jährliche Lohnsteigerungen und eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit, die für junge Beschäftigte bei der Bindung an den Arbeitgeber eine entscheidende Rolle spielen.
Dieser Wunsch des Nachwuchses nach Agilität trifft jedoch noch zu oft auf die starre Realität. Um Talente langfristig zu halten, fordert die dbb Jugend daher ein radikales Umdenken in Richtung moderner Arbeitsmodelle. „Homeoffice, Gleitzeit und mobiles Arbeiten sollten überall selbstverständlich sein, wo es die Tätigkeiten zulassen“, fordert Fandrejewski. Zudem setzt sich die Gewerkschaft für moderne Arbeitsplatzkonzepte ein. Etwa Job-Sharing, bei dem sich zwei Personen eine Führungsposition in Teilzeit teilen. Davon würden insbesondere junge Mütter profitieren: „Niemand soll sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.“
Um die gigantische Personallücke der kommenden Jahre zu schließen, muss der öffentliche Dienst lernen, den Nachwuchs anzusprechen. Die Zeiten, in denen der Staat einfach eine Stelle ausschrieb und auf Bewerbungen wartet, sind vorbei, so Lindemann. „Das hat 40 Jahre perfekt funktioniert. Aber so ist es ja heute nicht mehr ganz.“ Jugendliche von heute wollen aktiv angesprochen, umworben und abgeholt werden.
Die junge Generation im öffentlichen Dienst ansprechen
Die größte Hürde für ein modernes Employer Branding im Staatsdienst liegt in den eigenen Regeln. Strikte Datenschutzanforderungen machen es Personalabteilungen oft schwer, spontan das Smartphone in die Hand zu nehmen und ein schnelles Video aus dem Büroalltag hochzuladen. Doch genau nach dieser Transparenz und Authentizität sucht die junge Generation. Sie will über Instagram und TikTok Einblicke in den Arbeitsalltag bekommen.
Dass es trotz bürokratischer Hürden funktionieren kann, zeigen erste Vorreiter. Immer mehr Behörden setzen mittlerweile auf sogenannte „Corporate Influencer“. Das sind eigene Nachwuchskräfte und Auszubildende, die von den Medienabteilungen begleitet werden, um nahbare Einblicke in ihre Arbeit zu geben. Sie werben auf Augenhöhe für den Nachwuchs. Auch die Omnipräsenz von Polizei und Bundeswehr auf Ausbildungsmessen zeigt, dass der Sektor verstanden hat, wie hart der Konkurrenzkampf um die Generationen Z und Alpha geworden ist.
Quellen:
- eigene Anfragen an Experten aus Gewerkschaften und Berufsberatung
- Personalmangel im öffentlichen Dienst, dbb
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