Die Bürgerbefragung 2026 des Beamtenbundes offenbart eine wachsende Unzufriedenheit der Bürger mit dem öffentlichen Dienst. Die teilen sie sich mit den Beschäftigten dort. Die Befragung geht auf Spurensuche in der Misere.
Ein Erschöpfungs-Syndrom, weiß das Wörterbuch zu berichten, ist ein Zustand tiefer und anhaltender Überlastung. Und die Bürgerbefragung 2026 zeichnet dieses Bild vom öffentlichen Dienst. Nur noch 17 Prozent der Befragten glauben derzeit, dass der Staat in der Lage ist, seine Aufgaben und Probleme zu erfüllen. Im Gegenzug halten 79 Prozent den Staat für überfordert. Es ist der vorläufige Tiefpunkt eines seit Jahren anhaltenden Trends. Besonders auffällig ist, dass nicht nur Bürger dieses Gefühl haben. Auch 74 Prozent der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst sehen die Handlungsfähigkeit des Staates eingeschränkt. Uneins sind sich beide Gruppen nur in den Ursachen.
Umfrage zum öffentlichen Dienst: Wo Bürger und Beschäftigte aneinander vorbeireden
Obwohl Bevölkerung und Beschäftigte die Überforderung des Staates ähnlich scharf wahrnehmen, unterscheidet sich ihre Diagnose grundlegend. Bei den Bürgern dominiert der Eindruck einer trägen Bürokratie. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) sieht in einem „mangelnden Veränderungswillen innerhalb der Verwaltung“ die Hauptursache dafür, dass Modernisierung und Digitalisierung nicht vorankommen. Passend dazu fordern 86 Prozent eine deutliche Verringerung und Vereinfachung der Vorschriften.
Beschäftigte des öffentlichen Dienstes widersprechen
Aus der Binnenperspektive stellt sich die Lage anders dar. Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst weisen den Vorwurf der Bequemlichkeit mehrheitlich zurück – nur 47 Prozent von ihnen machen einen fehlenden Veränderungswillen in den eigenen Reihen aus. Stattdessen verweisen sie auf strukturelle Hürden. Etwa Datenschutz-Auflagen (64 Prozent), Personalmangel in der IT (57 Prozent) und fehlende finanzielle Mittel (51 Prozent). Alles Punkte, die von den Bürgern deutlich unwichtiger eingeschätzt werden.
Entsprechend unterschiedlich fällt der Blick auf den Öffentlichen Dienst aus. Während die Öffentlichkeit der Verwaltung mangelnden Willen unterstellt, arbeiten die Betroffenen in einem System, das durch Überregulierung, fehlendes Geld und Personalnot an seine Grenzen stößt.
Sozialstaat und Wirtschaft im Fokus
Abseits dieses gemeinsamen Nenners verschieben sich die Brennpunkte. In den vergangenen beiden Jahren war es vorrangig die Asyl- und Flüchtlingspolitik, die bei den Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl der Überforderung des Staates hat aufkommen lassen. Das ist nicht mehr der Fall. Nur noch 16 Prozent der Befragten sehen hier ein primäres Problemfeld – nach jeweils 30 Prozent in den Jahren 2024 und 2025.
Stattdessen sind es jetzt der Sozialstaat und die wirtschaftliche Lage, die an Bedeutung gewinnen. 26 Prozent der Bürger sehen den Staat im Bereich der Rente und der sozialen Sicherung als überfordert an – ein Anstieg um 10 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Bei der Steuer- und Finanzpolitik sind es 18 Prozent der Bürger (ein Anstieg um 5 Punkte).
Besonders brisant ist das Ergebnis bei der Gegenüberstellung von Wichtigkeit und tatsächlicher Erfüllung staatlicher Aufgaben. Oder anders: Genau in jenen Bereichen, in denen die Bürger den höchsten Handlungsbedarf sehen, glauben sie auch, dass der Staat die schlechteste Arbeit macht. So halten 55 Prozent der Bürger die Reform der sozialen Sicherung für „sehr wichtig“ – aber nur 11 Prozent meinen, dass dem Staat die Bewältigung dieser Aufgabe gut gelingt. Ein ähnliches Zeugnis bekommt der Staat in den Bereichen Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze (54 Prozent sehen es als sehr wichtig, aber nur 11 Prozent sehen eine gute Leistung) und Infrastruktur und Verkehr (53 Prozent zu 15 Prozent).
Öffentlicher Dienst: Schulnote 4,0 für den Digitalstaat
Große Hoffnungen setzen Regierung und Öffentlicher Dienst in die Digitalisierung. Online-Services und Künstliche Intelligenz sollen die Verwaltung schlanker und effizienter machen. Doch in der Realität macht sich Ernüchterung breit. Für den aktuellen Stand der Verwaltungsdigitalisierung vergeben die Befragten im Schnitt die Schulnote 4,0. Selbst die Beschäftigten im öffentlichen Dienst bewerten den Zustand im eigenen Haus im Mittel nur mit einer 3,9.
Ein wesentliches Problem liegt in der Kommunikation. Zwei Drittel der Bevölkerung (67 Prozent) geben an, gar nicht genau zu wissen, welche wichtigen Behördendienstleistungen überhaupt schon digital angeboten werden. Entsprechend gering ist das Vertrauen in den politischen Neustart. Dem frisch gebackenen Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung traut nur ein Fünftel der Bürger (21 Prozent) zu, in den kommenden Jahren spürbare Fortschritte zu erzielen – 62 Prozent zeigen sich skeptisch.
Dynamik und so etwas wie Aufbruchsstimmung scheint es hingegen im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu geben. Immerhin die Hälfte der Gesamtbevölkerung befürwortet den Einsatz – auch wenn stolze 44 Prozent Bedenken anmelden. Unter den Beschäftigten liegt die Zustimmung bei 54 Prozent – bei den Beamtinnen und Beamten steigt sie sogar auf 63 Prozent (37 Prozent Bedenken).
Respekt-Gefälle: Starke Basis, abgestrafte Politik
Die Bürgerbefragung des dbb klopft auch das Ansehen einzelner Berufsgruppen ab. An der Spitze hat sich wenig geändert. Praxisnahe Berufe genießen ein hohes Vertrauen. Beim Behörden-Ranking führen Müllabfuhr und Straßenreinigung (Schulnote 1,9), gefolgt von Bibliotheken (2,0) und Museen (2,1). Auch Polizeidienststellen (2,5), Kindergärten (2,5) und Krankenhäuser (2,7) halten ein stabiles, gutes Ansehen bei den Bürgern. Je politischer die Verwaltung wahrgenommen wird, desto schlechter fällt das Zeugnis aus. Arbeits- und Sozialämter liegen bei 3,7 bzw. 3,6, Landesministerien erreichen eine 3,8. Das Schlusslicht bilden die Bundesministerien, deren Note im Vergleich zum Vorjahr von 3,9 auf ein deutliches 4,2 abgerutscht ist.
Ein ähnliches Bild zeichnet auch das Berufsranking. Die Bevölkerung unterscheidet sehr genau zwischen den ausführenden Kräften vor Ort und den Entscheidungsträgern. Feuerwehrleute führen das Ranking unangefochten mit 94 Prozent hohem Ansehen an. Dahinter folgen Krankenpflegekräfte (91 Prozent), Altenpflegekräfte (88 Prozent), Ärzte (84 Prozent) und Polizisten (80 Prozent). Am unteren Ende des Spektrums rangieren Politikerinnen und Politiker. Ihr Ansehen sinkt um weitere 4 Prozentpunkte auf einen Tiefstwert von nur noch 7 Prozent. Sie rangieren damit hinter Mitarbeitenden von Telefongesellschaften (12 Prozent) und knapp vor Versicherungsvertretern (6 Prozent) sowie Werbeagentur-Mitarbeitern (5 Prozent).
Öffentlicher Dienst: Der Staat droht an seinen Ansprüchen zu scheitern
Die Ergebnisse der dbb-Bürgerbefragung 2026 zeichnen das Bild eines Staates, der an seinen eigenen Ansprüchen zu scheitern droht. Der Tiefststand von 79 Prozent Überforderungs-Wahrnehmung ist traurig genug. Dass jedoch die eigenen Beschäftigten genauso denken, ist ein Alarmsignal.
Die Befragung leitet aus diesem Ergebnis drei klare Aufgaben ab. Zum einen die pragmatische Umsetzung des versprochenen Bürokratieabbaus. Einfachere Regeln (86 Prozent) und kürzere Bearbeitungszeiten (78 Prozent) sind die häufigsten Forderungen. Eine weitere Lösung ist die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen an der Basis. Um das Missverständnis zwischen Bevölkerung („mangelnder Wille“) und Beschäftigten („mangelnde Mittel“) aufzulösen, braucht es gezielte Investitionen in Infrastruktur und Fachkräfte.
Lösung Nummer drei ist der Innovationswillen der eigenen Beschäftigten. Die hohe Aufgeschlossenheit der Beamtinnen und Beamten gegenüber Künstlicher Intelligenz (63 Prozent) darf nicht verpuffen.
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Verwendete Quellen
